Das größte Unrecht
Sandstrand im weihnachtlichen Schwarzwald und eine infame Diffamierung.
Liebe Brieffreunde,
hier schmilzt gerade der Schnee, der die Stadt in den letzten zwei Wochen lahmgelegt hat. Er war zwar schön anzuschauen, aber ich freue mich darüber, dass ich jetzt draußen nicht mehr herumstolpern und -rutschen muss.
Ähnlich verschneit war es damals, als meine Mutter mich und meine kleine Schwester über Weihnachten in den Schwarzwald schleppte.
Mutter-Kind-Kur.
Ich erinnere mich nicht mehr, welches unnötige Drama der Auslöser für diese Situation war, aber so fand ich mich irgendwann plötzlich umringt von fremden Kindern, Eltern und etwaigen Angeboten des Betreuungsprogramms.
Das ganze Gebäude war eher schummrig. Zwar auch für Weihnachten dekoriert und auf seine Art gemütlich, aber die ganzen dunklen Ecken haben gemacht, dass ich mich 30 Jahre später noch immer daran erinnere, dass sich alles leicht ominös anfühlte.
In dieser Szenerie — draußen Schnee, viele fremde Menschen, schummriges Licht — stieß mir das größte Unrecht meines bisherigen Lebens zu.
Beim Frühstück gab es die offizielle Ansage, dass am Abend des nächsten Tages eine große Preisverleihung für die beste Zeichnung stattfinden wird. Alle Kinder können ein Bild zum Thema Urlaub malen und es am nächsten Morgen einreichen. Endlich ein Programmpunkt nach meinem Geschmack. Schon damals war ich nicht sonderlich angetan von Gruppenarbeiten und gemeinsamer sportlicher Aktivität. Ich nahm die Gelegenheit also dankend an, für ein paar Stunden konzentriert an etwas zu arbeiten. Zeichnen war schon damals mein Lieblingshobby.
Ich zeichnete also einen Sandstrand, eine Palme, auf deren realistische Blätter ich besonders stolz war, und allerlei andere Details einer tropischen Strandlandschaft, ohne jemals in einer gewesen zu sein. Am Ende war ich mit meinem Werk grob zufrieden, reichte es am Morgen ein und erwartete nicht sonderlich viel für den Abend.
Der Tag nahm seinen Lauf und nach dem Abendessen fanden sich alle Eltern, Kinder und Betreuer im großen Saal ein. Auf der Bühne führte jemand durch den Abend und kündigte an, dass jetzt der große Moment gekommen sei, die Gewinner des Wettbewerbs zu küren.
Angefangen beim vierten Platz (was objektiv merkwürdig ist, warum gibt es vier Plätze), den eines der anderen Kinder gewann. Auch der dritte Platz ging nicht an mich. Der zweite ebenfalls nicht. Dann wurde der erste Platz gekürt und aufgerufen wurde … ein anderes Kind. Alle vier Kinder erhielten Preise, von denen ich dachte, dass ich sie auch gerne gehabt hätte. Alle vier Kinder haben Bilder gezeichnet, die ich, da war ich damals schon nicht von Selbstzweifeln geplagt, schlechter als mein eigenes fand.
Schade.
Aber dann wurde plötzlich angekündigt, dass es einen weiteren Preis gibt. Einen besonderen Preis für ein besonderes Bild, das so gut war, dass es noch erwähnt werden musste.
Ein Bild, bei dem zwar eindeutig die Mutter geholfen habe, das aber trotzdem gekürt gehört.
Meines nämlich.
Das Problem: Meine Mutter hat mir nicht geholfen! Ich dackelte also zur Bühne, erhielt ein Mikadospiel als Trostpreis und hatte somit meine erste Lektion darin, dass Qualität nicht immer zu Erfolg führt. Die Ironie, dass man meiner Mutter wirklich zeitlebens nicht vorwerfen konnte, zu unterstützend gewesen zu sein, wurde mir erst Jahre später bewusst.

Das Jahr der Kunst läuft bisher ganz hervorragend. Ich habe jeden Tag eine kleine Illustration für mein visuelles Tagebuch gemacht und auch unabhängig davon oft Stift und Papier in der Hand gehabt und am Prozess Spaß gehabt. Hätte nicht gedacht, dass ich so schnell an einem Punkt ankommen würde, der mir so viel Freude bereitet.
Aktuell poste ich die Sachen auf meinem alten Instagram-Account UARRR. Ich hatte den eigentlich vor sechs Jahren beerdigt, weil ich mir den Namen irgendwann mit 15 ausgedacht habe und es sich nicht mehr richtig anfühlte, aber für Kunst passt es irgendwie doch. Die fünftausend Leute, die dem Account folgen, können sicher auch nicht schaden.
Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob meine Mutter mir bei diesen neuen Werken geholfen hat, und ich kann stolz verkünden, dass ich seit 16 Jahren keinen Kontakt zu ihr habe und sie außerdem seit fünf Jahren als Asche in einer Urne auf dem Sideboard meiner Schwester steht.
Aber das ist ein anderes Thema.
So! Schön war’s. Gerne wieder. Haut rein!
GaLiGrü
Marcel



