Das Jahr der Kunst
Mein Motto für 2026
Liebe Brieffreunde,
eigentlich bin ich niemand, der sich Vorhaben fürs neue Jahr macht. Wer mich lange genug kennt, hat mich schon einmal eine Variation von „Wenn ich Ziele habe, setze ich sie einfach direkt um, ich brauche keinen fremdbestimmten Startschuss, um mein Leben auf die Reihe zu kriegen“ sagen hören.
Trotzdem gefiel es mir ganz gut, als mein Jahr ein Motto hatte. 2024 war das Jahr der Freundschaft, und es hat mir ungemein geholfen, all meine Entscheidungen durch die Linse dieses Mottos zu treffen. Im Cortex-Podcast nennen sie das ein Yearly Theme. Es ist ganz explizit kein ausgeschriebenes Ziel, weil Ziele den Nachteil haben, dass man sie verfehlen kann. Ein Yearly Theme darf keinen Fail-State haben. (Nicht zu verwechseln mit Failed State, wie die USA.) Wenn man am Ende des Jahres sein Leben durch das Jahresmotto eingefärbt hat, war das Motto – und hoffentlich gleichzeitig das Jahr – ein voller Erfolg.
Vor ein paar Jahren legte ich meinen kreativen und mentalen Fokus auf Programmierung. Ich wollte mich endlich durchbeißen und die Sache lernen, von der ich immer annahm, dass sie mir nicht liegt. Gesagt, getan. Ich verbrachte wirklich viel Zeit mit Programmierung in den letzten Jahren und habe mir mehrfach bewiesen, dass ich jetzt alles bauen kann, was ich gebaut sehen will. Glücklicherweise habe ich diesen Zustand schon vor AI und Vibe Coding erreicht. Vermutlich hätte ich nie die Muße gehabt, mir fundamentales Wissen anzueignen, wenn es nicht nötig gewesen wäre.
Jetzt stand ich also Ende letzten Jahres vor der Frage, wie ich mir mein 2026 in Sachen Hobbys vorstelle, und konnte erst nicht viel Begeisterung aufbringen. Klar, ich würde weiterhin Sport machen und auch programmieren, Fotografie passiert auch immer nebenbei. Aber was soll mein Leitmotiv sein? Was wird die Sache, für die ich mich richtig begeistern werde, für die ich meine Entscheidungen verändere und meinen Fokus anpasse?
Ich schiele schon seit einiger Zeit wieder auf Kunst. Anfang letzten Jahres lief ich über einen Hobbymarkt, und eine Person hatte dort einen Stand, um ihre Aquarellbilder zu verkaufen. Die Bilder waren gleichzeitig schön und nichts Besonderes. Klarer Fall von das kann ich auch.
Aber … kann ich das wirklich? Bewiesen habe ich es noch nie.
Kunst und ich hatten schon immer ein holpriges Verhältnis. Fehlgeleiteter Perfektionismus, selbst gemachter Erfolgsdruck und fehlendes Verständnis von Delayed Gratification und Deliberate Practice machten mir immer einen Strich durch die Rechnung. Klar, ich zeichnete damals mit 16 Comics in meinem Blog. Und hatte dann vor sechs Jahren eine weitere Phase, in der ich tatsächlich regelmäßig Comics auf Instagram veröffentlichte. Beides war auch mit gewissem Erfolg gekrönt.
Es hat mir aber nie wirklich Spaß gemacht. Vermutlich, weil ich zu verbissen an die Sache ranging. Weil ich es in erster Linie gemacht habe, um Leuten online zu gefallen. Weil ich nie etwas gut genug fand und immer zu anderen, besseren Künstlern aufblickte, während ich gleichzeitig nicht die Muße aufbringen konnte, mich hinzusetzen, zu experimentieren und zu lernen um auch besser zu werden.
Als ich mir selbst Programmierung beibrachte, habe ich dahingehend immense Fortschritte gemacht. Ich habe gelernt, dass ich mir kleine Ziele setzen muss, um am Ball zu bleiben. Dass ich mir meine Aufgaben so legen muss, dass Erfolgserlebnisse am laufenden Band garantiert werden, weil ich sonst Motivation und Interesse verliere. Ich habe auch gelernt zu spielen. Mir zu erlauben, Blödsinn zu machen, der kein anderes Ziel verfolgt, als mir Spaß zu machen und meine Begeisterung aufrecht zu erhalten.
Die vergangenen zwei Wochen verbrachte ich damit, diese Lektionen auf Kunst anzuwenden, und ich hatte so viel Spaß am Zeichnen und Malen wie … vermutlich noch nie.
Das neue Jahr ist jetzt ungefähr eine Woche alt, und ich möchte mich vorsichtig festlegen und sagen, dass es das Jahr der Kunst wird. Wenn ich am Ende des Jahres viel gezeichnet und gemalt habe, war es dahingehend ein voller Erfolg. Ich habe ein paar heimliche Stretch-Goals, liebäugle zum Beispiel damit, dass ich irgendwann Kunstdrucke oder Postkarten oder einen Snail-Mail-Club anbieten könnte, aber vorher möchte ich es schaffen, dass ich meine Werke online präsentieren kann, ohne dass Erfolgsdruck mich wieder übermannt und ich den Spaß verliere.
Am Ball zu bleiben ist das Wichtigste. Es mit anderen zu teilen ist sekundär.
Eine der ersten Hürden ist auch schon genommen. Inspiriert durch Luke Hyde und Zoe Si habe ich ein visuelles Tagebuch angefangen, in dem ich jeden Tag eine Kleinigkeit aus meinem Alltag illustriert festhalte. Ein garantiertes Erfolgserlebnis pro Tag. Wenn ich das durchziehe, habe ich am Ende des Jahres mindestens 365 kleine Werke und damit so viel mehr von mir produzierte Kunst als in irgendeinem der letzten Jahre.
Ich freue mich sehr drauf.
Wie sieht’s bei euch aus? Lasst mich gerne wissen, unter welchem Motto euer 2026 steht und wie es bisher läuft. Ich bin ganz Ohr!
Ach, und vielen Dank für die wirklich sehr netten Reaktionen auf den vorherigen Brief! Ich weiß es sehr zu schätzen, in euren Postkästen stattfinden zu dürfen. Dass ich diese Briefe reanimiert habe, ist übrigens auch durch mein Motto entstanden. Schreiben ist auch eine Form von Kunst und etwas, das mich glücklich macht. Euch das Lesen hoffentlich auch.
Allerbeste Grüße
Marcel


