Wischiwaschikeit
Merkwürdige Introspektion meines Künstlerdaseins
Liebe Brieffreunde,
auf dem Weg zur U-Bahn-Station, die ich häufig frequentiere, liegt im Souterrain eines Hauses das Atelier eines Künstlers. Man kann ihn dort regelmäßig beobachten, wie er mit dem Rücken zum Fenster an seinen Bildern malt.
Sie gefallen mir visuell nicht besonders gut, und laut seiner Webseite betreibt er seine Kunst schon seit 1990, wenn auch ohne größeren Erfolg. Was mich beeindruckt, ist die Regelmäßigkeit und Offenheit, mit der seine Werke (sehr blumen- und naturlastige Ölgemälde) entstehen. Man kann einfach vom Gehweg aus dabei zuschauen, wie er in seinem leicht schrabbeligen Atelier steht und ein Bild nach dem anderen malt.
Im Fenster, das es einem ermöglicht, ihn von hinten bei der Arbeit zu beobachten, steht auch eine Staffelei, die dem Gehweg-Publikum eines seiner Bilder präsentiert. Diese wechseln andauernd, und ich glaube, dass es immer das letzte ist, das fertig wurde.
Für mich ist Kunst immer ein bisschen mit Scham und Sorge verbunden. Scham, weil ich zwar Spaß daran habe, aber meinem eigenen Anspruch nicht gerecht werde. Sorge, weil ich befürchte, dass andere bemerken, dass ich gar nicht weiß, was ich da mache, und eigentlich nur herumstolpere und kein echter Künstler bin.
Dass ich mich beim Schreiben selbst indirekt gerade als Künstler bezeichnet habe, fiel mir schon unglaublich schwer, und ich musste dem Drang widerstehen, diese Aussage irgendwie zu relativieren. Künstler ist, wer Kunst macht, und Kunst ist, wenn jemand etwas durch ein kreatives Medium ausdrücken oder darstellen möchte.
It’s not that deep.
So richtig weiß ich nicht, warum mir das mit der Kunst so schwerfällt, bin ich doch sonst keine besonders schüchterne Person. Als professioneller Designer (und ein bisschen Programmierer) für Software fällt es mir überhaupt nicht schwer, zu meinen Arbeiten zu stehen und mich als Experten zu verstehen.
Vielleicht liegt es daran, dass digitales Product Design sehr viel binärer als Kunst ist. Es fließen hunderte Entscheidungen in jeden Screen ein, und am Ende kann man bei einem richtigen Zustand ankommen, der alle aktuell bekannten Parameter beachtet hat und entsprechend fertig ist.
Das ist nicht der Fall, wenn es um kreatives Schaffen geht. Alles kann immer anders sein. Alles ist nie fertig, kann es aber gleichzeitig jederzeit sein.
Es ist wischiwaschi.
Vermutlich ist es diese Wischiwaschigkeit, die mich dazu bringt, nicht stolz auf meine Kunst zeigen zu können, weil ich sie nicht verteidigen kann. „Das gefällt mir nicht“ ist eine legitime Reaktion, und keines meiner Argumente dafür, warum es so ist, wie es ist, hat irgendeine Art von Relevanz. Es ist kein Produkt, sondern ... eben Kunst.
Aber ich will darin besser werden. Mich nicht schämen, einen gewissen Stolz entwickeln und anfangen zu glauben, dass Leuten wirklich gefallen könnte, was ich mache. Und zwar nicht nur, weil sie einfach nicht wissen, wie viel besser es ginge, sondern weil das, was sie sehen, genug ist.
Ich habe mich jetzt schon zweimal überwunden, Kunst zu verschenken, und es war irgendwie ganz schön. Außerdem habe ich jetzt einen „Nette Dinge, die Leute über meine Kunst sagen“-Ordner angelegt, in dem ich Screenshots von netten Kommentaren speichere.
Ich bekomme das Selbstwertgefühl des Künstlers in mir schon irgendwie aufgepäppelt.
Dass ich das Ganze mit mehr Entspannung als jemals zuvor angehe, merkt man auch daran, dass ich den alten UARRR-Account auf Instagram wieder ausgepackt habe. Der lag jahrelang brach, weil ich mich mit dem Namen nicht mehr identifizierte und ihn als alten Ballast loswerden wollte. Das tat ich. Und jetzt bin ich so sehr drüber hinweg, dass ich damit umgehen kann, den Namen wieder für Kunst zu benutzen. Genau wie damals, als ich 15 war und Comics auf meinem Blog veröffentlicht habe. Vor einundzwanzig Jahren. Herrje.
Danke für eure Aufmerksamkeit, Freunde.
Bis bald
Marcel



