Stammkunde sein
Frikadellenbrötchen und Anonymität.
Liebe Brieffreunde,
ich wäre gerne irgendwo Stammkunde. Jemand, der in ein Café kommt, die Namen der dort Arbeitenden kennt, wiedererkannt wird und entsprechend Teil einer kleinen Community ist, die sich um diesen Dritten Ort herum entwickelt. Netter Smalltalk, in Kontakt mit anderen Stammkunden kommen, sich in seiner Nachbarschaft zu Hause fühlen.
Gleichzeitig wäre das mein kompletter Albtraum, weil ich die Anonymität der Großstadt schätze und mich sicherer fühle, wenn ich nicht erkannt werde. Das ist natürlich immens widersprüchlich. Einerseits will ich Teil sein, weil es sich gut und sicher anfühlt, gesehen zu werden. Andererseits will ich unerkannt bleiben, weil gesehen zu werden zu Interaktionen führt, die intimer sind als oberflächliches Miteinander.
Letzteres war noch viel extremer, als ich damals aus dem Dorf zum ersten Mal nach Hamburg zog. Gegenüber meines damaligen Büros gab es einen Bäcker, bei dem ich jeden Mittag das gleiche Frikadellenbrötchen kaufte. (Ich aß damals noch Fleisch. Wie so jemand, dem Tierleid egal ist. Peinlich.)
Eines Tages hielt mir eine der Angestellten schon die Tüte mit meinem Brötchen entgegen und grüßte mich mit: „Hallo, ich habe dir dein Frikadellenbrötchen schon eingepackt!“
Ich bedankte mich, bezahlte und ließ mich nie wieder dort blicken.
Es ist schwer zu beschreiben, was mich damals so schockierte. Vielleicht, dass ich ganz ehrlich nicht angenommen hatte, dass ich jemals wiedererkannt werden könnte. Dieser Bäcker wurde täglich von Hunderten Kund:innen frequentiert. Ich fühlte mich als einer von vielen, und plötzlich stand ich in einem, zwar sehr funzeligen, Rampenlicht, nach dem ich nicht gefragt hatte. Und wie soll ich jemals wieder etwas anderes bestellen, wenn meine Bestellung jetzt schon immer vorkonfiguriert für mich bereitliegen wird? Ich hätte ein Gespräch mit jemandem führen müssen! Undenkbar.

In den vergangenen 17 Jahren wurde ich erheblich entspannter und kann solche Momente mittlerweile eher als schöne soziale Verbindungen betrachten, die das Dickicht des Urban Jungle ein bisschen lichten. Eine kleine Verbindung zu einer anderen Person. Wie nett! Trotzdem verbleibt ein seichtes Gefühl davon, dass ich lieber für mich bleiben würde. Durchs Dickicht robben und bloß nicht entdeckt werden.
Ich weiß aber, dass dieses Gefühl nicht auf gesundem Fundament aufbaut und daher ignoriert werden muss. Community und soziale Kontakte sind die wichtigsten Aspekte eines Lebens, das sich erfüllt anfühlt. Das werde ich mir nicht nehmen lassen, nur weil mein Hirn aus irgendeinem (nicht sonderlich versteckten) Grund Sicherheit und Einsamkeit verbindet.
Ansonsten war ich diese Woche früh wach, wurde von einem Telekom-Mitarbeiter in meiner eigenen Wohnung bedroht, landete fast wegen Kunstraubs im Knast, versuchte tatsächlich, ein Café zu finden, um Stammgast zu werden, hatte ein erfolgreiches Meeting, einen Abend mit Brettspielen und eine schön knödelige Date-Night.
Und bei euch so? Alles gut? Wie steht es um die Winterdepression? Denkt dran, Vitamin D zu nehmen!
Allerbeste Grüße
Marcel

