Handfeste Greifbarkeit
Liebe Brieffreunde,
das Jahr der Kunst ist ungefähr einen Monat alt, und ich bin überrascht, wie gut es läuft.
Einer der für mich wichtigen Aspekte war, dass ich das Ganze analog angehen wollte. Mein Perfektionismus trieb mich immer zu digitaler Kunst, weil CTRL+Z eine Droge ist, die man sich nur schwer austreiben kann. Es ging so weit, dass ich mir abgewöhnen musste, die Zwei-Finger-Tap-„Undo”-Geste aus der iPad-App Procreate auf Papier zu machen.
Die letzten 30 Tage haben mich kuriert. Mir gefällt jetzt, dass meine Werke nicht perfekt sind. Ich weiß zu schätzen, dass die Aquarellfarben an einigen Stellen nicht das tun, was ich von ihnen wollte, aber in ihrem Eigensinn Zufälle mit sich brachten, die vor Charakter nur so strotzen.
Die Anfassbarkeit meiner Werke berührt mich emotional.
Vor ein paar Tagen habe ich die letzte Seite des Skizzenbuchs gefüllt, das ich im April 2025 angefangen hatte. Mehr als die Hälfte davon wurde im Januar 2026 befüllt. Gleichzeitig ist diese zweite Hälfte die, in der die meisten Arbeiten sind, die mir gefallen.
Ich habe ein ganzes Skizzenbuch gefüllt! Das ist in meinem gesamten Leben noch nicht vorgekommen. Ich zeichne, mal mehr, mal weniger, seit ich denken kann und habe mehr Skizzenbücher begonnen und nie gefüllt, als ich bereit wäre zuzugeben.
Meine Herangehensweise scheint aufzugehen.
Aber warum fühlt sich das so bedeutsam an? Ich glaube, es hat mit etwas zu tun, das uns gerade kollektiv abhandenkommt.
Code wird plötzlich von AI geschrieben, Designs im Handumdrehen von AI erstellt, und Texte schreibt schon lange niemand mehr selbst. Das Höchste der Gefühle ist, dass man die Geviertstriche von Hand durch Punkte ersetzt, oder, wenn man sich ganz kreativ fühlt, durch Semikolons. Es fühlt sich an, als würde überall der eigentlich wichtige Aspekt an Arbeit wegoptimiert: das Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Auch wenn es zuerst nicht logisch klingt, ist der handwerkliche Aspekt an digitaler Arbeit das, was zu Zufriedenheit führt. Das Gefühl, einen guten Job gemacht zu haben, mit seiner Arbeit zufrieden zu sein, ist unbezahlbar. Der Weg ist wortwörtlich das Ziel, wenn es um Glück geht.
Unternehmen haben natürlich nur bedingtes Interesse daran, ihren Angestellten ein Gefühl von emotionaler Erfüllung zu bieten. Daher wird es immer wichtiger, dass wir uns Aktivitäten suchen, die das Grundbedürfnis des Erschaffens befriedigen.
Dabei geht es gar nicht mal um Qualität. Es geht darum, dass man noch Momente hat, in denen man sich hinsetzt und macht. Fehler, Erfolge, Müll, Kunst, egal was. Hauptsache, der Prozess erfüllt einen mit den Emotionen, die nur entstehen können, wenn man sich wirklich reinhängt.
Kinder zerstören Legotürme nicht, weil sie das Ergebnis hübscher finden. Sie tun es, weil der Moment des Einwirkens auf die Welt elektrisierend ist. Etwas war so, jetzt ist es anders, und ich habe das gemacht. Das ist Selbstwirksamkeit in ihrer reinsten Form.
Es ist auch Gestaltung, wenn das, auf das man einwirkte, keinen Ansprüchen genügt.
Das Gefühl, sich ein Blatt Papier und einen Stift zu nehmen, seine Hand zu bewegen, das Kratzen des Stifts zu hören und ein paar Minuten später etwas komplett Neues geschaffen zu haben, ist magisch. Ich könnte jemandem eines meiner Bilder in einem Briefumschlag zukommen lassen. Dann wäre es nicht mehr hier, sondern woanders. Wie so eine echte Sache, in der echten Welt. Wie cool ist das?
Das Jahr der Kunst macht aktuell, dass ich sehr viel fühle. Jeden Tag mindestens ein Erfolgserlebnis. Verschiedene Papierarten, Stifte, Farben und Pinsel. Mein Knetradiergummi ist ein wahrer Handschmeichler! Alles davon ist so echt.
Mein Punkt ist: Handfeste Hobbys sind ein Mittel, um sich in Zeiten von AI-Übernahme und Social-Media-Abgründen wieder mehr wie ein in der Realität existierender Mensch zu fühlen. Ich glaube, dass das schon immer wichtig war und jetzt sehr schnell noch viel wichtiger wird.
Danke für eure Aufmerksamkeit und bis bald.
Marcel



